ADHS und Autismus bei Frauen: Warum wir so oft übersehen werden

Ich war 30, als ich meine Diagnosen bekam. Dreissig Jahre lang wusste niemand, ich selbst am wenigsten, was mit mir los war. Und ich bin kein Einzelfall. Das ist das Problem.

 

Die Forschung, die uns vergessen hat

Weisst du, an wem ADHS ursprünglich erforscht wurde? An hyperaktiven, weissen Jungs. Weisst du, an wem Autismus erforscht wurde? An weissen Jungs, die nicht sprachen und sich auffällig verhielten.

Jahrzehntelang war das Bild klar: ADHS = der Zappelphilipp. Autismus = Rain Man. Beides = männlich.

Mädchen und Frauen kamen in den Studien kaum vor. Und wenn doch, dann wurden sie mit den männlichen Kriterien gemessen. Kriterien, die oft einfach nicht auf uns zutreffen. Das Resultat? Generationen von Frauen, die durchs Raster gefallen sind.

 

Wie sich ADHS bei Frauen zeigt

Der klassische ADHS-Junge rennt durch den Raum, ruft rein, kann nicht stillsitzen. Lehrer merken das sofort. Eltern werden einbestellt. Abklärung folgt.

Das klassische ADHS-Mädchen? Sitzt still da. Schaut aus dem Fenster. Träumt. Ist «verpeilt». Vergisst ihre Hausaufgaben. Verliert ihre Sachen. Ihre Noten sind okay, aber «sie könnte mehr, wenn sie sich nur anstrengen würde». Niemand denkt an ADHS. Sie ist ja nicht laut.

Was niemand sieht: Das Chaos in ihrem Kopf. Die Erschöpfung, weil sie sich den ganzen Tag zusammenreissen muss. Die Scham, weil sie schon wieder etwas vergessen hat. Die Angst, dass jemand merkt, dass sie eigentlich keine Ahnung hat, was gerade passiert. Frauen mit ADHS sind Meisterinnen im Kompensieren. Wir schreiben Listen. Wir arbeiten doppelt so hart. Wir lächeln, während wir innerlich untergehen. Bis wir nicht mehr können.

 

Wie sich Autismus bei Frauen zeigt

Autistische Jungs fallen auf, weil sie sich «anders» verhalten. Sie spielen nicht mit anderen. Sie reden stundenlang über Züge oder Dinosaurier. Sie haben Mühe mit Blickkontakt.

Autistische Mädchen? Beobachten. Lernen. Kopieren. Wir schauen anderen Mädchen zu und imitieren sie. Wir lernen, wie man lächelt, wie man Smalltalk macht, wie man «normal» wirkt. Wir sind soziale Chamäleons. Von aussen sieht niemand, wie viel Arbeit das ist.

Unsere Spezialinteressen sind oft unauffälliger: Pferde, Bücher, Psychologie, Musik. Niemand findet es seltsam, wenn ein Mädchen Pferde liebt. Dass sie alles über Pferde weiss, jede Rasse, jede Zuchtlinie, jede Krankheit. Das wird als Leidenschaft abgetan, nicht als autistisches Spezialinteresse. Dazu kommt: Mädchen werden früh darauf trainiert, sozial zu sein. Brav zu sein. Sich anzupassen. Also tun wir genau das – um jeden Preis.

 

Masking: Der unsichtbare Kraftakt

Masking bedeutet: sich verstellen, um normal zu wirken. Neurotypisch spielen. Die eigenen autistischen oder ADHS-Züge verstecken. Und Frauen sind verdammt gut darin. Das Problem? Es kostet unendlich viel Energie. Jeden Tag eine Rolle spielen. Jeden Tag aufpassen, wie man sich bewegt, was man sagt, wie man reagiert. Jeden Tag die eigenen Bedürfnisse ignorieren, um nicht aufzufallen.

Irgendwann bricht man zusammen. Burnout. Depression. Angststörungen. Essstörungen. Alles Diagnosen, die Frauen viel häufiger bekommen als ADHS oder Autismus. Weil niemand tiefer schaut.

 

Die Fehldiagnosen

Bevor ich meine richtigen Diagnosen bekam, hatte ich andere. Depression. Angststörung. Erschöpfungssyndrom. Essstörung. Soziale Phobie. Borderline stand im Raum.

Das ist typisch für neurodivergente Frauen. Wir werden behandelt für die Symptome – die Erschöpfung, die Angst, die Stimmungsschwankungen – aber niemand fragt, woher sie kommen. Die Behandlungen helfen nicht richtig. Oder nur kurz. Weil sie am eigentlichen Problem vorbeigehen. Ich habe Jahre in Therapien verbracht, die nicht funktionierten. Jahre mit Medikamenten, die nichts brachten. Jahre, in denen ich dachte: Vielleicht bin ich einfach kaputt. Vielleicht kann mir niemand helfen. Bis jemand die richtigen Fragen gestellt hat und ich endlich gesehen wurde.

 

Warum es so lange dauert

Es gibt viele Gründe, warum Frauen so spät oder gar nicht diagnostiziert werden:

  • Die Diagnosekriterien. Sie basieren auf männlichen Symptomen. Viele Fragebögen und Tests erfassen weibliche Präsentationen nicht.
  • Das Masking. Wir verstecken unsere Symptome so gut, dass selbst Fachpersonen sie nicht sehen.
  • Die Vorurteile. «Frauen haben kein Autismus.», «Du bist zu sozial für Autismus.», «Du bist viel zu ruhig für ADHS.», «Du hast doch studiert, du kannst kein ADHS haben.» Diese Sätze hören wir immer wieder.
  • Die Kompensation. Wir funktionieren – irgendwie. Solange wir funktionieren, sucht niemand nach einer Erklärung.
  • Die falschen Diagnosen. Wenn schon eine Diagnose da ist, sucht niemand weiter.

Was sich ändern muss

Wir brauchen Fachpersonen, die wissen, wie ADHS und Autismus bei Frauen aussehen. Die nicht nur nach den klassischen Symptomen suchen. Die verstehen, was Masking ist und wie es Diagnosen erschwert. Wir brauchen Diagnosekriterien, die auch uns erfassen.

Wir brauchen Aufklärung. In Schulen, bei Ärzten, in der Gesellschaft. Damit Mädchen nicht 20, 30, 40 Jahre warten müssen, bis jemand erkennt, was los ist. Und wir brauchen Frauen, die ihre Geschichten erzählen. Damit andere sich darin wiedererkennen. Damit sie wissen: Du bist nicht allein. Du bist nicht verrückt. Es gibt eine Erklärung. Das ist einer der Gründe, warum ich das hier mache.

 

An alle Frauen, die sich hier wiedererkennen

Wenn du das liest und denkst: Das bin ich. Das klingt nach mir. Das erklärt so vieles. Dann vertrau diesem Gefühl. Du kennst dich selbst am besten. Auch wenn andere dir sagen, dass du «nicht so wirkst». Auch wenn ein Arzt mal gesagt hat, du hast kein ADHS. Auch wenn du dein ganzes Leben lang funktioniert hast. Funktionieren ist kein Beweis dafür, dass alles okay ist. Hol dir eine zweite Meinung. Such dir jemanden, der sich mit Frauen und Neurodivergenz auskennt. Du verdienst Antworten. Du verdienst, dich selbst zu verstehen.

Brauchst du Unterstützung?

Ich begleite dich gerne.

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