Ich war selbst Lehrerin in der Unterstufe. Und ich war – ohne es zu wissen – eine neurodivergente Lehrerin, die unter anderem neurodivergente Kinder unterrichtet hat. Erst nach meiner eigenen Diagnose habe ich verstanden, warum mir gewisse Kinder so vertraut vorkamen. Warum ich instinktiv wusste, was sie brauchten. Und warum das Schulsystem manchmal so unglaublich schlecht zu ihnen passt.
Dieser Beitrag ist für alle Lehrpersonen, die neurodivergente Kinder in ihrer Klasse haben. Also eigentlich: für alle Lehrpersonen.
Erstmal: Es sind mehr, als du denkst
Nicht jedes Kind mit ADHS zappelt. Nicht jedes autistische Kind sitzt allein in der Ecke. Viele fliegen komplett unter dem Radar – besonders Mädchen.
Die Stille, die immer aus dem Fenster schaut und in ihrer eigenen Welt lebt? Vielleicht ADHS, unaufmerksamer Typ.
Der Junge, der immer alles wortwörtlich nimmt und bei Ironie nicht lacht? Vielleicht Autismus.
Das Kind, das in einem Moment super mitmacht und im nächsten komplett dichtmacht? Vielleicht beides.
Ich sage nicht, dass du Diagnosen stellen sollst. Das ist nicht dein Job. Aber: Wenn du weisst, worauf du achten kannst, erkennst du vielleicht ein Kind, das Unterstützung braucht.
Was im Klassenzimmer passiert
Stell dir vor, du sitzt in einem Raum mit 20 anderen Menschen. Neonlicht flackert leicht über dir. Jemand tippt ununterbrochen mit dem Stift auf den Tisch. Ein Kind flüstert. Draussen fährt ein Auto vorbei. Der Beamer summt. Es riecht nach den Resten vom Znüni.
Für neurotypische Kinder? Hintergrundrauschen. Für ein neurodivergentes Kind? Ein Orchester, das gleichzeitig spielt, während jemand versucht, ihm Bruchrechnen zu erklären.
Reizüberflutung ist real. Und sie ist erschöpfend. Ein Kind, das am Nachmittag «plötzlich» schwierig wird, ist vielleicht nicht frech – es ist am Ende seiner Kapazität.
Konkrete Tipps für den Unterricht
- Struktur, Struktur, Struktur. Ein klarer Ablauf hilft enorm. Schreib den Tagesplan an die Wandtafel. Kündige Übergänge an. «In fünf Minuten räumen wir auf.» Überraschungen sind der Feind.
- Klare Anweisungen. Eine Sache nach der anderen. Nicht: «Räumt eure Sachen auf, holt das Matheheft raus und schlagt Seite 34 auf.» Sondern: «Räumt eure Sachen auf.» Pause. «Holt das Matheheft.» Pause. Und wenn alle so weit sind: «Seite 34.»
- Visuelle Unterstützung. Bilder, Symbole, geschriebene Anweisungen. Nicht alle Kinder können mündliche Informationen gut verarbeiten – vor allem nicht, wenn gleichzeitig noch 20 andere Dinge passieren.
- Rückzugsmöglichkeiten. Ein ruhiger Platz im Klassenzimmer. Die Erlaubnis, Kopfhörer zu tragen. Die Möglichkeit, kurz rauszugehen, wenn alles zu viel wird. Das ist keine Sonderbehandlung, sondern ein Ausgleich.
- Bewegungspausen. Manche Kinder können nicht stillsitzen. Das ist keine Respektlosigkeit. Ihr Körper braucht Bewegung, um sich zu regulieren. Stehpulte, Wackelhocker, kurze Bewegungspausen auf dem Trampolin – alles hilft.
- Prüfungssituationen anpassen. Mehr Zeit. Ein ruhigerer Raum. Mündlich statt schriftlich oder umgekehrt. Viele neurodivergente Kinder wissen viel mehr, als sie in einer klassischen Prüfung zeigen können.
Was du vielleicht falsch verstehst
«Er kann, wenn er will.» Nein. Neurodivergente Kinder haben keine konstante Leistung. An einem Tag funktioniert alles, am nächsten gar nichts. Das liegt nicht am Wollen. Das Gehirn funktioniert einfach unterschiedlich, je nach Tagesform, Schlaf, Reizen, Stress.
«Sie provoziert mich.» Wahrscheinlich nicht. Vieles, was wie Provokation aussieht, ist Überforderung. Oder Missverständnis. Oder ein Nervensystem im Ausnahmezustand. Bevor du reagierst, frag dich: Was könnte dahinterstecken?
«Er muss lernen, sich anzupassen.» Bis zu einem gewissen Grad, ja. Aber: Das Schulsystem ist für neurotypische Kinder gemacht. Wenn wir von neurodivergenten Kindern verlangen, sich ständig anzupassen, ohne ihnen entgegenzukommen, machen wir sie kaputt. Das ist keine Übertreibung. Ich spreche aus Erfahrung.
«Mit den anderen geht es ja auch.» Die anderen sind nicht dieser eine Mensch. Gleichbehandlung ist nicht dasselbe wie Gerechtigkeit. Manche Kinder brauchen mehr Unterstützung, und das ist okay.
Der Elternkontakt
Wenn du vermutest, dass ein Kind ADHS oder Autismus haben könnte: Sprich mit den Eltern. Aber vorsichtig. Nicht: «Ich glaube, Ihr Kind hat ADHS.» Sondern: «Mir fällt auf, dass XY in bestimmten Situationen Mühe hat. Haben Sie das zuhause auch beobachtet?»
Manche Eltern sind erleichtert. Endlich sieht es jemand. Andere sind defensiv. Das ist verständlich – niemand hört gerne, dass sein Kind «anders» ist. Gib ihnen Zeit. Vielleicht erlebt die Familie das Kind Zuhause ganz anders. Das kann gut sein, denn Kinder sind gut im maskieren oder wenn die Umstände stimmen, dann benimmt sich das Kind auch anders.
Und wenn ein Kind bereits eine Diagnose hat: Frag die Eltern, was hilft. Sie kennen ihr Kind am besten. Oder hol dir Hilfe bei der Schulleitung, der Schulpsychologin oder bei einer Fachstelle.
Was du für dich selbst tun kannst
Unterrichten ist anstrengend. Neurodivergente Kinder zu unterrichten, kann noch anstrengender sein – besonders wenn du nicht weisst, was los ist. Informiere dich. Lies Bücher, Blogs, schau Videos von neurodivergenten Menschen (nicht nur von Expert:innen über sie). Je mehr du verstehst, desto weniger frustrierend wird es.
Und vergiss nicht: Du musst nicht perfekt sein. Kein Kind erwartet das. Was Kinder brauchen, ist jemand, der sie sieht. Der sie nicht aufgibt. Der versucht, zu verstehen. Das bist du. Sonst würdest du das hier nicht lesen.


