Wie du neurodivergente Menschen in deinem Leben unterstützen kannst

Vielleicht hat dir gerade jemand erzählt, dass er oder sie ADHS oder Autismus hat. Vielleicht ist es dein Kind, dein:e Partner:in, dein:e beste:r Freund:in, ein:e Kolleg:in. Und jetzt fragst du dich: Was mache ich damit? Wie kann ich helfen?
Erstmal: Dass du das hier liest, ist schon ein guter Anfang.

 

Das Wichtigste zuerst: Frag nach

Ich weiss, das klingt fast zu einfach. Aber es ist der beste Rat, den ich dir geben kann. Jeder neurodivergente Mensch ist anders. Was mir hilft, kann für jemand anderen komplett falsch sein. Manche brauchen viel Ruhe, andere werden unruhig, wenn es zu still ist. Manche lieben feste Routinen, andere ersticken daran.

Also frag. Nicht einmal, sondern immer wieder. «Was brauchst du gerade?», «Wie kann ich dich unterstützen?», «Gibt es etwas, das ich anders machen kann?» Und dann: Hör zu. Wirklich zu.

 

Was meistens hilft

Auch wenn jeder Mensch unterschiedlich ist – ein paar Dinge helfen fast immer:

  • Keine Überraschungen. Oder zumindest: Vorwarnung. Spontane Planänderungen können für uns extrem stressig sein. Wenn sich etwas ändert, sag Bescheid. So früh wie möglich. «Hey, nur damit du weisst: Morgen kommt noch XY mit zum Essen.» Das gibt uns Zeit, uns mental darauf einzustellen.
  • Klare Kommunikation. Sag, was du meinst. Wirklich. Keine Andeutungen, keine versteckten Botschaften, kein «Das solltest du eigentlich wissen». Wir sind oft nicht gut darin, zwischen den Zeilen zu lesen. Und ehrlich? Niemand sollte das müssen.
  • Geduld bei Reizüberflutung. Wenn wir plötzlich still werden, gereizt wirken oder uns zurückziehen – es liegt wahrscheinlich nicht an dir. Unser Nervensystem ist gerade überlastet. Was hilft: Nicht persönlich nehmen. Raum geben. Vielleicht fragen, ob wir kurz rausgehen wollen.
  • Akzeptiere unsere Grenzen. Wenn wir sagen, dass wir nicht können, dann können wir nicht. Nicht «wollen nicht», nicht «haben keine Lust». Können nicht. Das zu akzeptieren, ohne es infrage zu stellen, ist eines der grössten Geschenke, die du uns machen kannst.
  • Weniger Smalltalk, mehr echte Gespräche. Viele von uns tun sich schwer mit oberflächlichem Geplauder. Aber frag uns nach unseren Interessen, und wir reden stundenlang. Das ist kein Desinteresse an dir – wir funktionieren einfach anders.

Was meistens nicht hilft

  • Sätze wie: «Alle haben doch ein bisschen ADHS in sich» Nein. Hat nicht jeder. Es hilft nicht, das zu hören. Es fühlt sich an, als würdest du unser Erleben klein reden.
  • «Du siehst gar nicht autistisch aus.» Was soll das überhaupt heissen? Autismus hat kein Gesicht. ADHS auch nicht. Dieser Satz klingt vielleicht wie ein Kompliment, aber er ist es nicht. Er sagt uns: Ich glaube dir nicht ganz.
  • Ungebetene Ratschläge. «Hast du mal Yoga probiert?», «Du musst einfach mehr Sport machen.», «Weniger Bildschirmzeit würde helfen.» Wir haben in unserem Leben schon alles gehört. Wenn wir nach Tipps fragen, gerne. Aber sonst: einfach da sein reicht.
  • Uns «reparieren» wollen. Wir sind nicht kaputt. Wir funktionieren anders. Das ist ein Unterschied. Unterstützung heisst nicht, uns zu verändern. Es heisst, uns so zu akzeptieren, wie wir sind – und uns dabei zu helfen, in einer Welt klarzukommen, die nicht für uns gemacht wurde.

Bei der Arbeit

Falls du eine Führungsperson bist oder mit neurodivergenten Kolleg:innen arbeitest:

  • Schriftliche Anweisungen. Mündliche Absprachen vergessen wir manchmal. Nicht aus Desinteresse, sondern weil unser Arbeitsgedächtnis anders funktioniert. Eine kurze E-Mail oder Nachricht hilft enorm.
  • Flexibilität bei Arbeitszeiten und -ort. Wenn möglich. Manche von uns sind morgens produktiver, andere nachts. Manche brauchen absolute Stille, andere Hintergrundgeräusche. Ein bisschen Flexibilität kann einen riesigen Unterschied machen.
  • Klare Erwartungen. Was genau soll bis wann erledigt sein? Was ist die Priorität? Je klarer, desto besser. «Mach das mal irgendwann» ist für uns oft schwer einzuordnen.
  • Rückzugsmöglichkeiten. Ein ruhiger Raum, Noise-Cancelling-Kopfhörer, die Erlaubnis, kurz rauszugehen – kleine Dinge, grosse Wirkung.

Für Eltern neurodivergenter Kinder

Das ist ein eigenes Thema, das einen eigenen Beitrag verdient. Aber ein paar kurze Gedanken:

  • Dein Kind ist nicht schwierig. Es hat es schwer. Dieser Perspektivwechsel verändert alles.
  • Werde zum Anwalt deines Kindes. In der Schule, beim Arzt, überall. Niemand kennt dein Kind besser als du.
  • Vergiss nicht auf dich selbst zu schauen. Eltern neurodivergenter Kinder sind oft erschöpft. Das ist normal. Such dir Unterstützung – für dein Kind und für dich.

Es geht nicht um Perfektion

Du wirst Fehler machen. Wir alle machen Fehler. Das ist okay. Was zählt, ist die Absicht dahinter. Dass du versuchst, zu verstehen. Dass du bereit bist, zu lernen. Dass du uns nicht aufgibst, wenn es kompliziert wird. Das allein bedeutet schon mehr, als du vielleicht denkst.

Brauchst du Unterstützung?

Ich begleite dich gerne.

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