Mein Weg zu AuDHS Bern: Warum ich tue, was ich tue

Ich war Ende 29, hatte mehrere Klinikaufenthalte hinter mir, ein Rucksack voller Fehldiagnosen – und dann endlich: Klarheit.

 

Der lange Weg zur Diagnose

 

Wenn du das hier liest, erfährst du etwas über mich, das ich lange Zeit niemandem erzählt habe.

Jahrelang wusste ich, dass irgendetwas anders mit mir war. Ich funktionierte. Ich arbeitete, lernte, lebte. Aber immer mit diesem Gefühl, als wäre ich gerade in der Hauptrolle meines eigenen Theaterstücks. Ich konnte nie ich selbst sein, sondern trug tagtäglich eine Maske. Je nachdem, mit wem ich unterwegs war oder mit wem ich interagierte, trug ich eine andere Maske, um mich dem Gegenüber anzupassen. Fast wie ein Chamäleon.

Ich hörte immer wieder Sätze wie: «Du bist immer so fröhlich und aufgestellt.», «Du bist in allem so gut.», oder «Du gibst mir so viel Sicherheit.» Doch was mein Gegenüber nie wusste, ist wie viel Kraft dieses Schauspiel in Wirklichkeit für mich gekostet hat. Nach Tagen mit viel Interaktion fiel ich direkt ins Bett, wenn ich zuhause ankam. Lange dachte ich, dass das normal sei. Es geht doch sicher jedem so. Oder nicht?

Immer wieder durchlebte ich Burnouts. Nicht eines, mehrere. Klinikaufenthalte. Diagnosen wurden gestellt und wieder verworfen. Depressionen. Angststörungen. Erschöpfungssyndrome. Borderline. Behandlungen, die nicht griffen. Therapien, die an der Oberfläche kratzten, aber nie den Kern trafen.

Kurz vor meinem letzten Burnout musste ich einige Prüfungen ablegen. Ich merkte, dass ich nicht lernen konnte und hatte ein Déjà-vu an meine Schulzeit. Über Freunde versuchte ich – erfolglos – an Ritalin zu gelangen, da ich wusste, dass es damit besser klappen könnte. Eine Freundin hat mir geraten, eine Abklärung machen zu lassen. Als Erstes verwarf ich den Vorschlag direkt. Ich, ADHS? Nie im Leben.

Doch je länger ich darüber nachdachte und recherchierte, fing vieles an, Sinn zu machen. Ich meldete mich an und erhielt ein paar Monate darauf tatsächlich eine ADHS-Diagnose. Ich spürte aber: Da fehlt noch etwas. Ein Teil von mir, den ich trotz ADHS noch nicht verstehe. Ein Jahr später folgte die Autismus-Diagnose. Dann machte alles Sinn.

 

Als plötzlich alles Sinn ergab

 

Ich verspürte dieses Gefühl, wenn Puzzleteile, die jahrzehntelang lose herumlagen, plötzlich zusammenfinden.

Plötzlich machte es Sinn, warum ich schon als Kind Geburtstagsfeiern gehasst habe – diese Reizüberflutung, die Erwartungen, das Chaos. Warum meine soziale Batterie so winzig klein ist und ich nach einem Treffen mit Freunden tagelang Ruhe brauche. Warum ich Witze immer als Letzte verstehe – wenn überhaupt. Warum ich überall Muster sehe, in Zahlen, in Abläufen, in Verhaltensweisen, und andere mich anschauen, als würde ich Dinge erfinden.

Es machte Sinn, warum ich mich mein ganzes Leben lang wie ein Alien gefühlt habe. Als wäre ich auf dem falschen Planeten gelandet. Warum ich Dinge so wörtlich nehme, dass es manchmal zu absurden Missverständnissen führt. Warum ich mich nie überwinden konnte, neue Spazierwege auszuprobieren – der bekannte Weg fühlt sich einfach sicher an. Warum Veränderungen im Alltag mich so aus der Bahn werfen können. Warum ich manchmal einfach nicht weiss, was ich fühle oder wie ich es ausdrücken soll.

 

Der Schock – und was danach kam

 

Ganz ehrlich: Die Diagnose war zuerst ein Schock. Ich glaubte es lange nicht. Oder hatte vielleicht auch mehr Angst davor, dass es mir andere nicht glauben werden. Ich? Autistisch? Mit ADHS? Ich wirke doch so normal.

Bis heute gibt es Tage, an denen auch bei mir Zweifel aufkommen. Tage, an denen ich mich frage, ob die Ärzt:innen sich geirrt haben. Das gehört dazu, und ich habe gelernt, dass das okay ist.

Aber mit der Zeit verwandelte sich der Schock in etwas anderes. In ein neues Verständnis für mich selbst. In Selbstmitgefühl für all die Jahre, in denen ich dachte, ich sei einfach nicht gut genug, nicht belastbar genug, nicht normal genug. Und dann wuchs da ein neues Ziel. Ein Lebensziel, das stärker war als alles, was ich zuvor hatte.

 

Warum AuDHS Bern existiert

 

Ich möchte anderen helfen, die das Gleiche oder Ähnliches erlebt haben. Menschen, die jahrelang mit falschen Diagnosen kämpften. Die sich fremd fühlen in einer Welt, die nicht für sie gemacht scheint.
Ich möchte Kindern helfen, frühzeitig erkannt zu werden, damit sie nicht wie ich jahrzehntelang durchs Leben stolpern, ohne zu verstehen, warum. Ich möchte Eltern begleiten, die vielleicht Mühe haben, ihr neurodivergentes Kind zu verstehen.

Ich möchte weiblich sozialisierten Personen helfen, deren Symptome so oft übersehen oder fehlinterpretiert werden. Und männlich sozialisierten Personen, die gelernt haben, zu maskieren, bis sie selbst nicht mehr wissen, wer sie sind.

Ich möchte Arbeitgebenden helfen zu verstehen, welches Potenzial in neurodivergenten Mitarbeitenden steckt – und wie sie dieses fördern können. Und Lehrpersonen, die täglich mit neurodivergenten Kindern arbeiten und sich mehr Wissen wünschen.

Vor allem aber möchte ich aufklären. Mein grösster Wunsch ist, dass jede:r versteht, was es bedeutet, neurodivergent zu sein. Dass unsere Gesellschaft lernt, anders zu denken. Dass Schulen, Arbeitsplätze und öffentliche Räume so gestaltet werden, dass auch Menschen wie ich darin aufblühen können – nicht nur überleben. Dass wir nicht mehr als «schwierig», «zu sensibel» oder «eigenartig» abgestempelt werden, sondern als das, was wir sind: Menschen mit einer anderen Art, die Welt wahrzunehmen. Nicht weniger. Einfach anders.

 

An dich, die:der das hier liest

 

Wenn du bis hierhin gelesen hast und dich in meiner Geschichte wiedererkennst: Du bist nicht allein. Du bist nicht kaputt. Du bist nicht zu viel oder zu wenig. Du bist genau richtig – auch wenn sich das manchmal nicht so anfühlt.

Brauchst du Unterstützung?

Ich begleite dich gerne.

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