Ich bin nicht krank. Ich war es nie. Ja, ich habe ADHS und Autismus. Ja, ich war in Kliniken. Ja, ich habe gelitten. Aber nicht, weil mein Gehirn falsch ist. Sondern weil die Welt nicht für Gehirne wie meines gemacht wurde. Das ist ein wichtiger Unterschied.
Die Sprache, die wir benutzen
Achte mal darauf, wie über Neurodivergenz gesprochen wird. «Störung». «Defizit». «Beeinträchtigung». ADHS heisst ausgeschrieben «Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung». Schon im Namen steckt: Da fehlt etwas. Da ist etwas gestört.
Aber stimmt das wirklich?
Meine Aufmerksamkeit ist nicht defizitär. Sie funktioniert einfach anders. Ich kann mich stundenlang auf etwas konzentrieren, das mich interessiert – so tief, dass ich vergesse zu essen. Ich nehme Details wahr, die anderen entgehen. Ich sehe Zusammenhänge, die für andere unsichtbar sind. Ich war jahrelang als Projektleiterin unterwegs und habe sehr grosse Projekte für namenswerte Kund:innen auf die Beine gestellt. Das klingt nicht nach Defizit.
Das medizinische Modell vs. das soziale Modell
Es gibt zwei Arten, über Behinderung und Neurodivergenz nachzudenken.
Das medizinische Modell sagt: Das Problem liegt im Individuum. Da ist etwas kaputt, das repariert werden muss. Therapie, Medikamente, Training – alles zielt darauf ab, die Person «normaler» zu machen.
Das soziale Modell sagt: Das Problem liegt in der Umgebung. Menschen werden behindert durch Barrieren in der Gesellschaft, nicht durch ihre Körper oder Gehirne. Wenn wir die Barrieren abbauen, verschwindet ein grosser Teil der «Behinderung».
Ein Beispiel: Ein Rollstuhlfahrer ist nicht behindert, weil er nicht laufen kann. Er ist behindert, weil es keine Rampe gibt.
Übertragen auf Neurodivergenz: Ich bin nicht behindert, weil mein Gehirn anders funktioniert. Ich bin behindert, weil Schulen, Arbeitsplätze und soziale Normen für neurotypische Menschen gemacht wurden.
Was Neurodivergenz wirklich ist
Neurodivergenz bedeutet einfach: ein Gehirn, das anders arbeitet als das der Mehrheit. Nicht besser, nicht schlechter. Anders.
Es ist wie Linkshändigkeit. Linkshänder sind nicht krank. Aber in einer Welt, in der alles für Rechtshänder gemacht ist – Scheren, Schreibtische, Dosenöffner – haben sie es schwerer. Früher hat man versucht, Linkshändern das abzugewöhnen. Heute wissen wir: Das war falsch. Und schädlich. Bei Neurodivergenz sind wir noch nicht ganz so weit. Aber wir kommen langsam dahin.
Ja, es gibt echtes Leiden
Ich will nichts beschönigen. Neurodivergenz kann hart sein. Die Erschöpfung nach einem Tag voller Masking. Die Scham, wenn man wieder mal etwas vergessen hat. Die Einsamkeit, wenn man sich nirgends zugehörig fühlt. Die Angst, entlarvt zu werden. Die Depression, die kommt, wenn man jahrelang gegen sich selbst kämpft.
Das ist real. Und das verdient Unterstützung, Verständnis, manchmal auch Behandlung. Aber das Leiden kommt oft nicht von der Neurodivergenz selbst. Es kommt von:
- Einer Gesellschaft, die uns nicht versteht
- Erwartungen, die wir nicht erfüllen können
- Jahrelangem Masking und Anpassen
- Fehlenden Diagnosen und falschen Behandlungen
- Dem Gefühl, dass wir falsch sind
Wenn wir das Leiden bekämpfen wollen, müssen wir dort ansetzen. Nicht bei unserem Gehirn.
Was ich mir wünsche
Ich wünsche mir eine Welt, in der Neurodivergenz nicht «geheilt» werden muss.
Eine Welt, in der Kinder nicht lernen, dass mit ihnen etwas nicht stimmt, sondern dass sie einfach anders funktionieren. In der Schulen flexibel genug sind für verschiedene Lerntypen. In der Arbeitsplätze sich anpassen, statt Menschen auszusortieren. In der «anders» nicht «weniger wert» bedeutet.
Ich wünsche mir, dass Menschen aufhören zu fragen: «Was ist falsch mit dir?» Und stattdessen fragen: «Was brauchst du?»
Akzeptanz bedeutet nicht Passivität
Manchmal höre ich: «Wenn Neurodivergenz keine Krankheit ist, warum dann Therapie? Warum Medikamente? Warum Coaching?»
Gute Frage. Hier ist meine Antwort: Akzeptanz bedeutet nicht, dass wir keine Unterstützung brauchen. Es bedeutet, dass die Unterstützung nicht darauf abzielen sollte, uns zu «reparieren». Sondern darauf, uns zu helfen, in dieser Welt gut zu leben – so wie wir sind. Ich nehme Medikamente. Nicht weil ich krank bin, sondern weil sie mir helfen, meinen Alltag zu bewältigen. So wie jemand eine Brille trägt, nicht weil Kurzsichtigkeit eine Krankheit ist, sondern weil die Welt nun mal für Menschen mit «normaler» Sicht gebaut ist.
Ich coache andere. Nicht um sie «normaler» zu machen, sondern um ihnen Strategien zu zeigen, die zu ihnen passen.
Ein letzter Gedanke
Du bist nicht kaputt. Du warst es nie.
Dein Gehirn ist nicht falsch. Es ist anders. Und anders ist okay.
Mehr als okay.
Die Welt braucht Menschen, die anders denken. Die Muster sehen, wo andere Chaos sehen. Die tief eintauchen, wo andere an der Oberfläche bleiben. Die Fragen stellen, die sonst niemand stellt.
Die Welt braucht dich. So wie du bist.


